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Alzheimer – warum ich?

Mit Alzheimer trotzdem oft zufrieden und glücklich

Ein Bericht von Micheline Hofer

 

tl_files/Infothek/bilder andere/Hofer.jpgIch war nicht sehr religiös. Mein Vater starb früh an Krebs mit starken Schmerzen. Einige Jahre später hatte meine Mutter einen Hirnschlag und lebte bis zum Tod im Pflegeheim. Die finanziellen Probleme habe ich schon während der Lehrzeit allein bewältigt. Die jüngere Schwester wurde von den Behörden an verschiedenen Orten und zuletzt im Waisenhaus untergebracht. An einen Gott, der mir innert kurzer Zeit Vater, Mutter und Schwester nimmt, konnte ich nicht glauben.

 

Mit der gesundheitlichen Veränderung und der verlorenen Freiheit hat sich meine Einstellung geöffnet. Durch die Ruhe, mit der ich meine Krankheit meistens annehmen und mit ihr Leben kann, hat sich meine Einstellung zur Religion wieder positiv verändert. Mein ursprünglicher Traum, nach der Diagnose eine Enkel-Hochzeit zu erleben, erreiche ich wahrscheinlich nicht. Aber einigermassen anständig und zufrieden mit der Krankheit zu leben ist eine ständige grosse Herausforderung und nützt uns allen.

 

Meine Einzimmerwohnung war der Treffpunkt für meine Kolleginnen. So habe ich meinen zukünftigen Mann kennengelernt. Unsere Liebe und Ehe mit drei Kindern hat durch dick und dünn gehalten. Wir haben neun gesunde Enkelkinder, wir alle treffen uns immer wieder. Der Clan wird sicher auch ohne mich weiter zusammenhalten. Und wer weiss, vielleicht schaue ich von oben zu?

 

Aber trotzdem: warum ich? Ich lag traurig im Bett, starrte an die Decke und stellte wieder meine Frage, warum ich mit 68 Jahren schon Alzheimer habe. War ich so ein böser Mensch? Eigentlich wurde mir erst jetzt klar, wie reich ich all die Jahre schon war und jetzt im Schlussspurt noch mehr verlange: gesund bleiben, alt werden und alles, was ich schon hatte, als Bonus behalten.

 

Die Herausforderung gemeinsam als Familie meistern

 

Auf einmal wurde ich ruhig: Wir als Familie sind stark und meistern gemeinsam die Herausforderung. Die Ruhe, mit der ich meine Krankheit annehmen kann, erleichtert vieles und hat meine eher negative Einstellung zum Glauben verbessert. Auch die Geschwister, Verwandte, Freunde und Nachbarn sind immer für mich da, wenn ich Hilfe brauche.

 

Wir zwei Senioren wohnen schon längere Zeit in einem Dorf. Ich habe mich entschieden, kein Geheimnis aus meiner Krankheit zu machen. Für das erste Telefongespräch wählte ich die Nummer unserer Pfarrerin, sie orientierte mit meinem Ok ihren Mann und die Leiterin der Spitex, die sich sofort gemeldet und mir ihre Privaten Nummern angegeben hat, falls ich dringend Hilfe brauche. Anschliessend habe ich Kolleginnen und die Leiterin des Seniorenturnens, Nachbarn und die nächsten Verwandten orientiert.

 

Trotz meiner Krankheit werde ich von meinem Umfeld, den Kolleginnen, Nachbarn und im Dorf respektiert und bekomme jederzeit Hilfe. Den Kontakt zu ehemaligen Arbeitskolleginnen habe ich behalten, ist aber durch meine eingeschränkte Mobilität schwieriger geworden. Sie besuchen mich hie und da.

 

Erholungszeiten für betreuende Familienmitglieder

 

Wichtig sind Erholungszeiten für betreuende Familienmitglieder. Durch meine Offenheit kann auch mein Mann mit seinen Kollegen aus seiner Sicht über unsere Situation reden. Er hört, dass sich auch andere mit irgendwelchen Krankheiten auseinandersetzen müssen. Die Mitarbeiter wurden zum Glück durch meinen Mann orientiert, die Menge hätte mich übererfordert.

 

Ich freue mich, wenn mein Mann gut gelaunt nach Hause kommt und mir die Neuigkeiten des Tages und seine neuen Ideen für Ausflüge erzählt. Das eigene Geschäft wird Schritt für Schritt an die nächste Generation übertragen. Dadurch haben wir mehr Zeit für uns um meinen letzten Abschnitt gemeinsam zu geniessen.